Was wir beobachten, ist tragisch. Wenn wir es literarisch sehen wollen, also nicht tief erschüttert sind, von dem langsamen Verfall des Dante Alighieri, erschüttert , ob der geistigen Zerrüttung, erschüttert zu sehen, welche fatale Wirkung eine Ideologie auf Gemüt und Hirn eines Menschen ausüben kann, dann würde uns Schiller einfallen.

Im Wahnsinn des Einzelnen
zeigt sich die Wahrheit der Gattung

Wir wissen nicht, warum Dante am Anfang der Tragödie, denn um eine solche handelt es sich, es ist eine Tragödie, keine Komödie, berichtet wird von einem Lebenslauf, der unentrinnbar in der geistigen Zerrüttung mündet, sich in Waldesnacht verirrt sah, weil er den Pfad verlor des rechten Strebens. Wir wissen nur, dass damals noch alles harmlos war, aber er jetzt richtig verwirrt ist. Dante wird uns jetzt, und Sie befürchten richtig, die Liste wird lang, verdammt lang, gute Fürsten vorstellen. Gottes Gerechtigkeit ist hierbei, das haben sie schon gelernt, völlig undurchschaubar. Es ist logisch, dass Gott sich nicht im Hickhack der historischen Fakten verliert, Gott ist zuständig für den ganz großen Wurf, da kommen wir armen Erdenwürmer nicht mehr mit. Bei der Gelegenheit setzt er aber wieder zwei Ungetaufte in den Himmel. Das macht er zwar ständig, aber hier erklärt er uns sogar mal den Grund. Hierzu lesen wir in der Reclam Ausgabe (wohl von dem Übersetzer Gmelin selbst, der jeden Gesang mit einer kurzen Zusammenfassung versehen hat) folgendes.

„…Auf Dantes Staunen über die Erlösung des Trajan und des Ripheus erklärt der Adler ihm das Geheimnis der göttlichen Gnadenwahl, indessen die beiden Seelen vor ihm aufleuchten.“

Reclam, Die göttliche Komödie, Seite 341

Mal ganz ehrlich, wenn Sie sowas lesen, vermuten Sie, dass die göttliche Gnadenwahl richtig gut erklärt wird ?

Sobald des Weltenalls Erleuchterin
Von unserer Erdenhülle abwärtsschreitet,
Dass rings der Tag ersterbend sinkt dahin,

So wird, dem sie allein erst Licht bereitet,
Der Himmel schnell viel neue Lichter zeigen,
Durch die der Widerschein des einen gleitet.

Im Mittelalter ging man davon aus, dass alles was da oben glitzert sein Licht von der Sonne erhält, tatsächlich ist das ja nicht richtig, nur die Planteten unseres Sonnensystems werden von der Sonne angeleuchtet, die anderen leuchten entweder selber oder werden von anderen Sonnen als der unseren angeleuchtet.

Ich dachte an dies Bild vom Sternreigen,
Sobald der Weltherrschaft Emblem geschlossen
Den heiligen Schnabel hielt zu tiefem Schweigen

Und allen Lichtern Hymnen jetzt entflossen,
Die keine Kraft für das Gedächtnis rettet,
Und hellre Flammen sich um sie ergossen

Er stellt also einen Vergleich her zwischen dem Aufleuchten der Stern bei anbrechender Nacht und den Lichtern, die anfangen zu singen nachdem der Geier endlich die Klappe hält. Das geht jetzt ewig so weiter, an den Haaren herbeigezogene Vergleiche mi t anchließender Benachrichtigung, dass die Musen ihm mal wieder nicht beistehen und er das, was das Gedächtnis schrieb nicht hinschreiben kann, in diesem Fall, weil es schlicht aus selbigem entschwunden ist. Wenn aber jemand durch schiefe, an den Haaren herbeigezogenen Vergleichen ohne Informationswert , durch eine verquaste, Tiefsinn vortäuschende Sprache, durch ein Werk, dass ohne die telefonartige Auflistung von Namen faktisch in sich zusammenfallen würde, gezeigt hat, dass er es einfach nicht kann, uns anschließend mitteilt, dass hier darum gerungen wird, dem Ausdruck zu verleihen, was sich die Seele schüchtern vorgelallt, was an der Grenze des sprachlich Fassbaren liegt, dann nehmen wir ihm das einfach nicht ab. Das eigentliche Problem ist das, der Himmel ist ein Megaloch, die Leere dieses Megaloches hat sich in das Gehirn und Gedächtnis Dantes eingebrannt, im Inneren dieses Megloches ist das Nichts und das ist das Problem Dantes. Über das Nichts, gibt es nicht wirklich viel zu berichten.

O Liebe, süß im Lächeln eingebettet,
Wie branntest du im hellen Funkelscheine
mit göttlichen Gedanken glanzverkettet

Im Original

O dolce amor che di riso t'ammanti,
quanto parevi ardente in que' flailli,
ch'avieno spirto sol di pensier santi!

Oh süße Liebe in Lächeln eingehüllt,
wie schienst du zu glühen in jenen Flammen,
denen nur heilige Gedanken zu entströmen schienen

Also: Da gibt es irgendwelche Flammen, wie die genau aussehen, wissen wir nicht. Diese umhüllten die Liebe und lächelten dabei und da den Flammen nur heilige Gedanken zu entströmen schienen, glühten sie wie wild. Also das ist ein Bild, das ist geradezu aus dem Leben gegriffen, das stellt sich dem Leser sozusagen so plastisch vor die Augen wie der Kinderschar beim Kindergeburtstag der Schokoladenpudding. Der Autor ist übrigens tatsächlich der Meinung, dass man auch ohne empirisches Substrat Gedichte schreiben kann, allerdings sollte man dann auch eine Sprache wählen, die gar kein empirisches Substrat mehr suggeriert, die nur noch Reim, Rhythmus und Energie ist, also zum Beispiel sowas.

Hymne auf Sara ul Huha

Huscha bascha kum baleia
Schaba tascha uf tatateia
Hitsch kateia, nost kaleia

Sakanweia, hirs kateia
Hirs kateia, nost kaleia
Taka heia, teia,teia !

sike nose uftatam
Huscha bascha uf kalam !

Das geht. Stellen Sie sich mal aufrecht hin und skandieren das, laut, achten sie auf den Rhythmus. Merken Sie wie Energie durch Ihren Körper strömt? Nimmt man es also ganz genau, dann ist das Problem der Dichtung Dantes nicht die von jedem empirischen Substrat gereinigte Sprache, sondern die Tatsache, das Sprache immer irgendwie Sinn suggeriert. Das ist eine Fehlfunktion des Gehirns, bzw. eine mangelnde Anpassungsfähigkeit des Gehirns. Als die Sprache entstand, also der erste Affe dem anderen die Kokosnuss ans Hirn geballert hat und dabei laut Koko oder Chocho oder irgendwas schrie (wobei Koko oder Chocho eigentlich die Begeisterung darüber ausdrückte, dass man endlich ein ideales Wurfgeschoss gefunden hatte), gab es noch einen engen Zusammenhang zwischen dem Bezeichneten und dem Bezeichnenden. Im Zuge der weiteren Entwicklung wurde aber Sprache zunehmend abstrakt, bis sie sich schließlich von ihrem empirischen Substrat vollkommen löste. Das Gehirn ist aber im Stadium des Affen stecken geblieben, sucht bei Wörtern immer noch nach der Beziehung zur außersprachlichen Wirklichkeit. Den Blödsinn glauben übrigens Linguisten bis auf den heutigen Tag, der ganze Tralala mit „aliquid stat pro aliquo“ (irgendwas steht für etwas anderes) bei Aristoteles, das Signifié ( das Bezeichnete) und Signifiant (das Bezeichnende) bei Saussure, das Bühlersche Organon Modell oder das Modell von Shanon und Mole und was es dergleichen Quark sonst noch gibt, geht davon aus, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen einem Wort und irgendeinem realen Sachverhalt. Obwohl doch schon die Lektüre eines x-beliebigen Zeitungsartikels klar macht, dass Sprache ein nur in sich selbst konsistentes Gebilde ist (wenn der Text grammatikalisch korrekt ist) aber kein Bezug zur außersprachlichen Wirklichkeit gegeben ist. Betrachtet man Veranstaltungen wie die Fußballweltmeisterschaften mit dem unverkrampften Nationalgefühl (was bitte ist ein Nationalgefühl und wie kann das unverkrampft sein???), wo auch einmal Millionen Leute die skurrilsten Dinge brüllen, dann ist doch offensichtlich, dass Sprache ein reiner Energieträger ist. Und so scheint das auch irgendwie bei Dante zu sein. Der eine redet einen völligen Stuss (aus der Sicht des linguistisch nicht versierten, also aus der Sicht der Leute, die davon ausgehen, dass Sprache einen Sachverhalt der außersprachlichen Welt referenziert) und irgendwelche Leute fangen an zu glühen. Wer Dante verstehen will, muss verstehen, dass Sprache ein sinnfreier Energieträger ist, nichts weiter. Er entzündet die Leute wie der Strom den Heizkörper. Dante hätte einen Schritt weiter gehen sollen.

Der Redner

RATSCHKATAU !! KRAGST
UF DECKEL ALLA PLATTA !
PLATTA ETTERNITATA !!

Die Menge

woo ! woo ! woo !

Dante hätte mit der mentalen Disfunktion rechnen müssen und eine Sprache schaffen müssen, die es dem Gehirn erleichtert, über diese mentale Disfunktion hinwegzukommen.

Und als die teuern demantklaren Steine-
Wie schmückten sie den sechsten Stern so schön!-
Gehemmt der Engelsglocken Wohllautreine,

Da schien‘ s, als wies mit murmelndem Getön
Ein Fluss, hinplätzschernd über Felsenklippen,
Den Reichtum seines Quells aus Bergeshöhn

Und wie auf des Gitarrenhalses Rippen
Der Ton sich bildet und am Flötenrohr,
Wo durch die Öffnung tritt der Hauch der Lippen,

So, ohne Pause, hörte jetzt mein Ohr
Im Adlerhals das Rauschen aufwärtsdringen,
Als wär er hohl – und oben quoll‘ s hervor,

Im Original

Poscia che i cari e lucidi lapilli
ond'io vidi ingemmato il sesto lume
puoser silenzio a li angelici squilli,

udir mi parve un mormorar di fiume
che scende chiaro giù di pietra in pietra,
mostrando l'ubertà del suo cacume.

E come suono al collo de la cetra
prende sua forma, e sì com'al pertugio
de la sampogna vento che penètra,

così, rimosso d'aspettare indugio,
quel mormorar de l'aguglia salissi
su per lo collo, come fosse bugio.

Als ich dann die teueren und strahlenden Juwelen,
die ich sah das sechste Licht erleuchten
Ruhe gebieten den engelgleichen Glocken,

schien es mir als hörte ich das Murmeln eines Flusses
der klar von Stein zu Stein nach unten fließt,
so von der Üppigkeit seiner Quelle kündend.

Und wie der Ton am Halse einer Zither
oder an der Öffnung einer Flöte, beim Strom
des Windes an Form gewinnt,

ganz so, des Zweifels Warten ledig,
stieg dieses Gemurmel des Adlers
Hals empor, so als wäre er hohl

In Kurzform: Die Musik hörte auf und im Hals des Gockels fängt irgendwas an rauschend nach oben zu steigen. Dieses Rauschen wird dann einerseits mit dem Klang einer Zither verglichen bzw. mit dem Ton einer Flöte, andererseits mit dem Rauschen eines Gebirgsbaches. Mit so Kleinigkeiten wie, dass es sich bei der cetra (Zither) um ein Instrument handelt, das eher funktioniert wie ein Klavier, also eine Seite wird angeschlagen, aber die Möglichkeit, über einen Griff am Hals den Ton zu verändern existiert nicht, wollen wir uns gar nicht befassen. Die Zither sieht so aus, von Hals keine Spur.



Daraus schließt jetzt der Autor, dass die himmlische Musik voll daneben klingt, das ist schlimmer wie Rap, Techno und Heino zusammen. Wenn er den Klang eines Gebirgsbaches mit dem Klang einer Zither bzw. einer Flöte (sampogna ist eigentlich so eine Art Duddelsack) vergleicht, dann hat er ein noch schlechteres musikalisches Gehör als der Autor und der Autor ist da schon ziemlich grenzwertig. Aber einen Gebirgsbach von einer Zither könnte er noch unterscheiden, er könnte sogar ein Zupfinstrument von einem Blasinstrument unterscheiden. Im übrigen ist völlig unklar, warum Dante so einen Laden macht um den Rülpser von dem Geier. Irgendwie will er uns ankündigen, dass die tiefsinnigen Worte, die nun dem Munde des Geiers entströmen, sich durch ein der Sache angemessenes Preludium ankündigten. Da der Geier aber nur Mist erzählt, wäre ein Rülpser das passende Preludium gewesen.

Um deutlich nun mit Stimmenlaut zu klingen
In Worten, die mit Sehnsucht ich erfahren,
Um sie – ins Herz geprägt – mitheimzubringen

Im Original

Fecesi voce quivi, e quindi uscissi
per lo suo becco in forma di parole,
quali aspettava il core ov'io le scrissi

Dann ließ er sich vernehmen, seinem Schnabel
Entströmte in Gestalt von Worten,
das was mein Herz ersehnte und wovon ich schreibe

Das ist nun geradezu ein Novum. Dante stellt fest, dass er das, worüber der Geier nun berichtet, auch tatsächlich wird aufschreiben können. Wenn Dante aber mal was von dem aufschreiben kann, was er im Paradies gehört hat, dann kann es nur etwas ganz schrecklich Irdisches sein, von dem man auch auf Erden hätte Kunde erhalten können. Merkwürdig ist, dass sein Herz sich nachdem gesehnt hat, was der Geier ihm jetzt erzählt. Das setzt voraus, dass er schon vorher wusste, was der Geier ihm erzählen wird, bzw. er hofft, dass der Geier ihm das erzählen wird, was er sich wünscht zu hören. Das ist erstmal unter paradisieschen Gesichtspunkten zwar nicht aufregend, die können ja Gedanken lesen da oben. Betrachtet man aber dann das, was der Geier ihm erzählt, dann wird man schon konzedieren müssen, dass sich nur ganz spezielle Herzen danach sehnen, das zu hören. Unter anderem sehnt sich das Herz Dantes danach, zu erfahren, wie Trajan es ungetauft in den Himmel geschafft hat. Können sich Herzen nach solch abstrakten Dingen sehnen ? Der Autor würde jetzt nicht gerade sagen, dass sich sein Herz danach sehnt dies zu erfahren, aber ihn würde interessieren, ob Dante tatsächlich glaubte, dass der Trajan im Paradies ist. Weiter würde ihn interessieren, ob man nicht von Irrsinn sprechen muss, wenn höchst abstrakte Fragen lediglich durch die Annahme höchst merkwürdiger Situationen zustande kommen, die lediglich als Sprachkonstrukte vorliegen und sich das Herz dann auch nach danach sehnt, dies höchst abstrakten Fragen beantwortet zu bekommen. Wenn jetzt 600 Jahre lang die Divina Commedia gelesen wird und an Italiens Schulen drei Jahre lang behandelt wird, kann man dann nicht sagen, dass schon ziemlich viele Leute ein bisschen plemplem sind? Für den Autor ist das aber völlig ok. Wenn sich jetzt Ihr Herz danach sehnt, zu erfahren, warum ein hypothetisch ins Paradies gesetzter Trajan dahin gekommen ist (hypothetisch), obwohl er nicht getauft war, dann wird die Sehnsucht ihres Herzens gestillt werden. Wenn nicht, ist auch gut. Sie sehen dann, dass die Sprache für den menschlichen Geist eine echte Bedrohung darstellt. Dem Autor ist völlig unklar, warum man Aspirin nur in der Apotheke kaufen kann (von dem Zeug müssen sie schon mächtig viel einwerfen, damit es einen Schaden anrichtet), aber Sprache frei erhältlich ist. Ein verbale Überdosis hat, wie sie bei Dante sehen können, katastrophale Wirkungen. Sprache sollte nur noch in Fachgeschäften von geschultem Personal ausgegeben werden. Wie kann man sich so sicher sein, dass Gammelfleisch schlimmer ist als Gammelsprache? Sprache, die sich von ihrem empirischen Substrat löst, ist der Beginn des Irrsinns. Ein Beispiel hierfür ist auch das „Ausländerrecht“. Das hat gutes Thomas von Aquin Niveau. Da gibt es auf einmal EU-Ausländer, Ausländer mit deutschen Vorfahren, ganz kritische Ausländer und weniger kritische Ausländer. Das Abstraktionsniveau ist hierbei enorm hoch, das konkrete Individuum spielt überhaupt keine Rolle. Es geht um Begrifflichkeiten ohne jedes empirische Substrat. Kommt jemand aus Barcelona, ist er ein EU-Ausländer, dann ist alles kein Problem. Kommt er aber aus Mexiko, das ist ja eigentlich kulturell, sprachlich und in jeder Beziehung die gleiche Liga, ist das auf einmal komplett anders. Kommt er aus Guatemala, ist es das gleiche wie beim EU-Ausländer, wenn der Opa Däne war, denn dann ist er wieder EU-Ausländer, auch wenn er kein Wort Dänisch spricht. Ein Marokkaner allerdings, der noch den letzten verdrehtesten Konjunktiv hinbastelt, also der Superdeutsche, ist ein ganz kritischer Ausländer. Kommt ein Perser ohne Eltern mit 12 nach Deutschland und war seither nie mehr in Persien, droht ihm die Abschiebung, obwohl er sich in nichts von seinen Kumpels unterscheidet und auch gar kein Persisch mehr kann. Das ist übrigens auch eines der wenigen Beispiele, wo die Sprache allein zu klaren Ergebnissen kommen könnte. Deutscher ist, wer Deutsch spricht. Das mit dem „Blut“ ist kompletter Blödsinn, das ist bei allen Menschen der gleiche Saft, aufgrund des Blutes kann man nicht diskriminieren. Wir haben beim „Ausländerrecht“ ein sehr konkretes Beispiel für eine Sprache, die von jedem empirischen Substrat gereinigt ist. Da lauert der Irrsinn, der der Keim der Barbarei ist.

„Den Teil an mir“, so klang‘ s, „der sonst bei Aaren
Vermag den Blitz der Sonne auszuhalten –
Blick fest ihn an, genau ihn zu gewahren!

Den von den Feuern all, die mich gestalten,
Stehn die als höchste hier nach ihrem Grade,
Die meines Augen Funkelglanz entfalten.

Im Original

«La parte in me che vede e pate il sole
ne l'aguglie mortali», incominciommi,
«or fisamente riguardar si vole,

perché d'i fuochi ond'io figura fommi,
quelli onde l'occhio in testa mi scintilla,
e' di tutti lor gradi son li sommi.

„Auf den Teil an mir, der bei den sterblichen Adlern
zum sehen dient und stand hält der Sonne“, so
Begann er, „auf den ist nun zu achten,

denn von den Feuern, die meine Gestalt formen,
sind die, die leuchten in meinem Haupte bei den Augen,
die, die den höchsten Grad besitzen

Das mit dem Adlerblick, der in die Sonne schauen kann, hatten wir schon. Wir fragen uns jetzt zwei Dinge: a) Stimmt es und b) warum fasziniert das Dante überhaupt. Zu a): Der Autor hat nichts finden können, was irgendwie darauf verweisen würde, das Adler problemlos in die Sonne blicken können. Er würde vermuten, dass Vögel, trifft ihr Blick zufällig in die Sonne, genauso reflexartig die Augen schließen, wie der Rest des Tierreichs. Zu b): Unter Umständen denkt Dante irgendwie an das Sternbild des Adlers, ansonsten ist seine Faszination hierfür völlig unverständlich, zumal es ja obendrein auch noch falsch ist. Das mit dem Geier ist jetzt natürlich ein bisschen seltsam. Einerseits kann er sprechen, ist also keine schlichte Leuchtreklame ohne Körper, sondern tatsächlich irgendwas komplexes organisches, andererseits hat er aber helle Flammen in den Augen, sieht also gar nichts, ist also rein organisch gesehen irgendwie doch nicht vorhanden.

Im Stern des Auges leuchtet, reich an Gnade,
Des heiligen Geistes frommer Harfenist,
der einst von Ort zu Ort geführt die Lade

Hier sieht er – wie man seinen Psalm bemisst:
Soweit Begeisterung der ihm eingegeben,
Der Lohn auch dem Verdienst entsprechend ist

Im Original

Colui che luce in mezzo per pupilla,
fu il cantor de lo Spirito Santo,
che l'arca traslatò di villa in villa:

ora conosce il merto del suo canto,
in quanto effetto fu del suo consiglio,
per lo remunerar ch'è altrettanto.

Der, der im Innern der Pupille leuchtet,
war der Sänger des heiligen Geistes,
der die Harfe trug von Stadt zu Stadt

Heute erfährt er den Verdienst seines Gesanges,
in dem Maße, wie seine Wirkung ihm kann zugeschrieben werden,
an der Belohnung, die angemessen

Bei der Übersetzung von canto (Gesang) mit Psalm, hat Zoozmann etwas interpretiert, es entspricht aber kirchlicher Tradition, zumindest einen Teil der Psalmen David zuzuschreiben. Dante scheint mit „in dem Maße, wie seine Wirkung ihm kann zugeschrieben werden“ an diese Diskussion anzuknüpfen, nicht alle Psalmen stammen eben von David. Die Harfe trug David von Stadt zu Stadt, als die Bundeslade zurückgeführt wurde (Samuel 2, Kapitel 6).

David und das ganze Haus Israel tanzten und sangen vor dem Herrn mit ganzer Hingabe und spielten auf Zithern, Harfen und Pauken, mit Rasseln und Zimbeln.

Wie Dante auf die Idee kam, dass David der Sänger des heiligen Geistes war, ist etwas unklarer. Der Autor hat nur eine Stelle gefunden, wo David dem Saul etwas vorspielt, weil ersterer vom bösen Geist befallen ist. Wenn der eine vom bösen Geist befallen ist, kann der, der vom heiligen Geist befallen ist, vielleicht aufmuntern (???) . (1.Buch Samuel, Kapitel 16)

Der Geist des Herrn war von Saul gewichen; jetzt quälte ihn ein böser Geist, der vom Herrn kam.
Da sagten die Diener Sauls zu ihm: Du siehst, ein böser Geist Gottes quält dich. Darum möge unser Herr seinen Knechten, die vor ihm stehen, befehlen, einen Mann zu suchen, der die Zither zu spielen versteht. Sobald dich der böse Geist Gottes überfällt, soll er auf der Zither spielen; dann wird es dir wieder gut gehen. Saul sagte zu seinen Dienern: Seht euch für mich nach einem Mann um, der gut spielen kann, und bringt ihn her zu mir! Einer der jungen Männer antwortete: Ich kenne einen Sohn des Betlehemiters Isai, der Zither zu spielen versteht. Und er ist tapfer und ein guter Krieger, wortgewandt, von schöner Gestalt, und der Herr ist mit ihm. Da schickte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen: Schick mir deinen Sohn David, der bei den Schafen ist.

Von jenen Fünf, die meine Braue weben,
Gab Trost einst der, der meinem Schnabel nah,
Der armen Witwe für des Sohnes Leben

Im Original

Dei cinque che mi fan cerchio per ciglio,
colui che più al becco mi s'accosta,
la vedovella consolò del figlio:

Von jenen fünf, die den Kreis bilden meiner Wimper,
tröstete der, der am nächsten meinem Schnabel,
die Witwe über den Verlust des Sohnes

Ob sie die Wimper des rechten oder linken Auges bilden, ist natürlich völlig egal. Das mit den Wimpern bei einem Adler ist aber nicht gerade suggestiv (die Braue wäre es noch weniger). Ein Vogel hat zwar Wimpern, aber die sind in der Regel nicht zu sehen.

Also wo Dante da Wimpern sieht, das ist schon spezielles Geheimnis. Die Flamme auf jeden Fall ist Trajan, der hat eine Krieg unterbrochen, um einer Witwe zu helfen, deren Sohn ermordert worden war. Ob Dante aufgrund dieser Legende ins Paradies verpflanzte oder aufgrund einer komplexeren historischen Gesamtwürdigung wissen wir nicht, es ist aber letztlich egal, denn selbst wenn Dante eine geschichtliche Bewertung vornimmt, entspricht sie kaum dem, was man üblicherweise als differenziertes Urteil bezeichnen würde.

Hier sieht er – was es kostet, wenn man da
Nicht geht, wo Christus geht, seitdem er droben
Das süße, drunten das bittre Leben sah

Da beruft sich Dante wohl wieder auf die Legende. Papst Gregor der Große (geb. 540 gest.604) soll die Stimme Trajans aus der Hölle gehört haben, als er zum Peterskirche ging und dann solange um seine Erlösung gebeten haben, bis Gott Gott ihn erlöste. (Die Geschichte hatten wir schon Mal im 10. Geträller des Läuterungsberges, also von der Hölle kommt Trajan nur über den Umweg über den Läuterungsberg ins Paradies). Trajan kennt also alle Stufen des Jenseits, wenn wir Dante Glauben schenken, was wir allerdings nicht tun.

Der andere, der zur Wölbung ward erhoben
Des Auges, hat – weil wahrhaft er bereute -
Des Todes Nahen lang hinausgeschoben

Hier sieht er – dass dem Wechsel nicht zur Beute
Des Ewgen Richtspruchs fällt, wenn frommes Flehen
Dor unten auch zum Morgen macht das Heute

Im Original

E quel che segue in la circunferenza
di che ragiono, per l'arco superno,
morte indugiò per vera penitenza:

ora conosce che 'l giudicio etterno
non si trasmuta, quando degno preco
fa crastino là giù de l'odierno

Und der der folgt in der Wölbung
Derer die strahlen, auf dem erhöhten Bogen,
verzögerte den Tod durch wahre Buße:

jetzt versteht er dass das ewige Urteil
nicht gewandelt wird, wenn würdige Bitte
dort unten aufschiebt das Heute

Die Stelle bezieht sich auf das 2. Buch der Könige 20.

„Zu dieser Zeit wurde Hiskia todkrank. Und der Prophet Jesaja, der Sohn des Amoz, kam zu ihm und sprach zu ihm: So spricht der HERR: Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben. Er aber wandte sein Antlitz zur Wand und betete zum HERRN und sprach: Ach, HERR, gedenke doch, dass ich vor dir in Treue und mit rechtschaffenem Herzen gewandelt bin und getan habe, was dir wohlgefällt. Und Hiskia weinte sehr. Als aber Jesaja noch nicht zum mittleren Hof hinausgegangen war, kam des HERRN Wort zu ihm: Kehre um und sage Hiskia, dem Fürsten meines Volks: So spricht der HERR, der Gott deines Vaters David: Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen. Siehe, ich will dich gesund machen – am dritten Tage wirst du hinauf in das Haus des HERRN gehen –, und ich will fünfzehn Jahre zu deinem Leben hinzutun und dich und diese Stadt erretten vor dem König von Assyrien und diese Stadt beschirmen um meinetwillen und um meines Knechtes David willen. Und Jesaja sprach: Bringt her ein Pflaster von Feigen! Und als sie das brachten, legten sie es auf das Geschwür und er wurde gesund.“

Wir stellen gar nicht in Abrede, dass die Bibel immer Recht hat, weil dies gar nicht Abrede gestellt werden muss. Ist die Aussage eines Textes reichlich unklar, erübrigt sich die Frage nach dem Wahrheitsgehalt, denn wo keine Aussage gemacht wird, kann auch keine falsch sein. Hiski war also totkrank, hat gebetet und der Herrgott lässt ihn 15 Jahre länger leben. Das ist nett von ihm. Die Frage, warum er dies tut, stellt sich aber auch nicht, denn es kostet ihn ja auch nichts. Wo Dante aus diesem Text herausliest, dass Hiskia vera penitenza (wahre Buße) geleistet hat, ist tief verschlossen in der tief bewegten Brust des Dante Alighieri. Der sagt doch eher ziemlich klar und eindeutig, dass er alles richtig gemacht hat (….mit rechtschaffenem Herzen gewandelt bin…). Weiter ist über diesen Hiskija nichts weiter bekannt, als dass Jahwe ihm geholfen hat, einen Angriff es Sanherib abwehrte. Wir wissen also nicht, was die Bibelstelle soll, wissen nicht, warum der Herr ihn hat 15 Jahre länger hat leben lassen, wissen nicht, wie er es ungetauft ins Paradies geschafft hat und der Vers Dante hat auch mit der entsprechenden Stelle in der Bibel rein gar nichts zu tun. Weiter suggeriert der Vers „jetzt versteht er, dass das ewige Urteil …“, dass Hiskias dies bezweifelt hätte, dem war mitnichten so. Wir haben also im Grunde einen vollkommenen Blödsinn vor uns. Und das erschüttert uns. Muss unsere empfindsame Seele nicht im Tiefsten aufgerührt werden, wenn sie dem Verfall des Geistes durch die Macht der Sprache beiwohnt?

Im Wahnsinn des Einzelnen
zeigt sich die Wahrheit der Gattung

Bei einem gesunden Menschen ist es so (und das ist abenteuerlich kompliziert, auch wenn Dante und die Griechen meinen, das Mysterium liege über uns, der gesunde Menschenverstand kommt eher zu dem Ergebnis, dass es in uns liegt; das Buch von Karl Popper, Das Ich und sein Gehirn bringt Sie keinen Millimiter weiter), dass aus den Tiefen der Milliarden verschachtelter Synapsen riesige Assoziazionsräume bewegt werden, die dann auch noch durch tausende von Empfindungen und Urteilen bewertet werden. Aus diesem Chaos filtert das Gehirn, kein Mensch weiß wie, irgendwas heraus, was sich dann sogar manchmal sprachlich manifestiert. Dieses „empirische Substrat“ aus dem Dunkel unseres Gehirns ist aber das, was Sprache ausdrückt. Bei einem gesunden Menschen. Der gesunde Mensch hat die Fähigkeit, parallel zur Sprache noch die empirische Substanz „mitlaufen“ zu lassen, prüft also, ob es da noch einen Zusammenhang gibt. (Ein ähnlicher Prozess findet statt, wenn Sie eine Fremdsprache sprechen. Da läuft dann nicht nur das empirische Substrat mit, sondern auch das grammatikalische Regelwerk dieser Sprache.) Bei gesunden Menschen und bei Kindern ist diese Kontrolle sehr eng, weil Kinder ja erstmal Wörter mit sehr konkreten Dingen verbinden. In der nötigen Abstraktion (irgendwann mal muss das Kind von einem konkreten Tisch auf die Gesamtheit der Tische kommen) liegt wohl auch der Keim des Wahnsinns, den der gesunde Mensch aber ausbalancieren kann. Die Verbindung zu einem empirischen Substrat wird aber beim gesunden Menschen nie vollkommen gekappt. Von Krankheit müssen wir dann sprechen, wenn die notwendige Abstraktion dazu führt, dass das empirische Substrat vollkommen gekappt wird, die Sprache also hochtourig im Leerlauf rotiert wie ein Motor, dem Getriebe und Kupplung abhanden gekommen ist. Aus der notwendigen Abstraktion wird dann irgendwann die reine Abstraktion, aus einer losen Referenzierung des empirischen Substrates, die Referenzierung des Nichts. Man sollte also den Kiddies schon beibringen, dass ein lediglich schwieriger Text ein Text ist, der lediglich ein schwer zu fassendes empirisches Substrat referenziert. Das ist etwas ganz anderes als ein Text, der schlicht das Nichts referenziert. Beide Textsorten klingen vielleicht ähnlich, sind aber grundverschieden. Der Erfolg Dantes könnte auch damit zu tun haben, dass es zuviele Leute gibt, die tiefsinniges Geraune mit Tiefsinn verwechseln.

Des nächsten Tat, auf Gutes abgesehen
Ward schlimm: Er wollt mit mir und den Gesetzen
Als Grieche nicht dem Papst im Wege stehen

Hier sieht er – dass ihn selber nicht verletzen
Die Schäden, die entkeimt dem besten Streben,
Ob sie die Welt zerrissen auch in Fetzen

Im Original

L'altro che segue, con le leggi e meco,
sotto buona intenzion che fé mal frutto,
per cedere al pastor si fece greco:

ora conosce come il mal dedutto
dal suo bene operar non li è nocivo,
avvegna che sia 'l mondo indi distrutto

Der der folgt, machte sich in guter Absicht mit
Gesetz und Kaisertum zum Griechen um dem Hirten
zu weichen, doch schlechte Frucht zeugte die gute Absicht

jetzt erkennt er, dass das schlechte Resultat
Seiner guten Absicht ihm nicht schadet,
auch wenn die Welt durch dies beschädigt

Gemeint ist Konstantin und die konstantinische Schenkung (War auch schon da). Konstantin I (geb. 272, gest. 337) leitete die sogenannten Konstantinische Wende ein, das heißt das Christentum wurde Staatsreligion. Während seiner Regierungszeit wird Konstantinopel Regierungssitz des Römischen Reiches. In der sogenannten Konstantinischen Schenkung ( einer Fälschung) vermacht er das Westreich dem Papst. Für Dante schafft er hiermit ein irdisches Reich der Kirche, die ja nur für den Himmel zuständig ist. Faktisch ist das aber egal, mit oder ohne konstantinische Schenkung, der Verlauf der Geschichte wäre gleich verlaufen, da weniger Papier diesen Verlauf bestimmt, als reale Machtverhältnisse.

Der vierte, den du siehst nach abwärts schweben,
Ist Wilhelm: Wie an seinen Tod beweint,
Beweint man Karl und Friedrich, weil sie leben!

Wilhelm II von Sizilien (geb. 1153, gest. 1189) war Kaiser von Sizilien. Durch ihn wird dann auch Friedrich II, der stupor mundi, König von Sizilien, weil dieser (also Wilhelm) seine Tante Konstanze mit dem Sohn Barbarossas Heinrich VI vermählte, selbst aber kinderlos blieb. Daraus leitet dann Heinrich VI Ansprüche auf das Königreich Sizilien ab, die dann aber erst Friedirch II tatsächlich durchsetzen konnte. Warum Wilhelm II von Sizilien besonders gut gewesen sein soll, erfahren wir nicht. Dante fällt hier ein Urteil über eine Person, die fast 100 Jahre vor ihm gelebt hat. Selbst heute, mit hervorragendem Zugang zu allen möglichen Quellen, dürfte es schon eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen, um über eine Person die
in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts lebte ein Urteil zu fällen. Ein Urteil über 600 Personen (soviele sind es, dies wird zumindest behauptet, der Autor vermutet eher es sind wesentlich mehr; 600 wären pro Geträller 6, das kann nicht hinkommen) zu fällen dürfte historisch seriös heute niemandem möglich sein. Die schlichte Referenzierung ohne genau Kenntnis ist Unsinn. Bei dem Konflikt zwischen Karl und Friedrich handelt es sich um ein Nachbeben eines uralten Konfliktes zwischen Frankreich und den Staufern. Friedrich II von Sizilien ist der Sohn Peter III von Aragonien. Der wiederum ist mit Konstanze verheiratet, der Tochter des Hohenstaufener Manfreds, den wir schon oft hatten und diese beiden haben wiederum zwei Söhne, nämlich Jakob I und eben Friedrich II. Über die Konstanze erhebt Aragonien Anspruch auf den Thron. Das Haus Anjou, dem Karl II enstammt, er ist der Sohn von Karl I von Anjou, erhebt Ansprüche auf Sizilien Kraft Papst, nachdem Karl I von Anjou in der Schlacht bei Benevent 1266 gegen Manfred obsiegte und dieser starb. Sowohl Friedrich II als auch Karl II erheben also Anspruch auf die Krone in Sizilien. Die eigentliche Pointe ist jetzt die. Das Königreich Aragon, regiert von Jakob II, dem Bruder Friedrich II, stand unter militärische Druck und war um einen Ausgleich mit Frankreich bemüht. Der Vermittlungsvorschlag von Bonifatius VIII sah jetzt so aus, das Korsika und
Sardinien zu Aragon kommt und Sizilien zum Hause Anjou. Da hätte aber Friedrich II von Sizilien, also der Bruder Jakob II mitstpielen müssen, war er aber nicht tat. Es kommt zum vereinten Krieg, also mit Beteiligung Jakob II, gegen Friedrich, der aber zu keiner Eroberung Siziliens führte. Wie Dante zu
seinem abwertenden Urteil über Friedrich II von Sizilien kommt ist unklar. Die Sizilianer wählten ihn bewusst und gegen die Ansprüche des Hauses Anjou zum König. Sie weinten also absolut nicht, weil er lebte.

Hier sieht er – wie der Himmel gut es meint
Mit Fürsten, die da ziehn gerechte Bahnen;
Sein Glanz beweist‘ s, der freudig ihn umscheint!

Mit „er“ ist immer noch David gemeint. Der sieht, wie gut es der Himmel mit jenen Fürsten meint, die gerecht sind. Bleibt nur noch die Frage, was er eigentlich davon hat. Dem Autor ist durchaus unklar, neben wem er im Paradies eine Ewigkeit stehen wöllte und er würde auch nicht leuchten, wenn er neben Salomon persönlich zu stehen käme. Die Vorstellung aber, bis in alle Ewigkeit vor irgendwelchen älteren weisen und gerechten Herren zu stehen, treibt ihm geradezu den Angstschweiß auf die Stirn. So zwei, drei Stunden neben Dante zu stehen, das wäre was, das verspricht immerhin mal anständige Randale. Wenn ich so länger darüber nachdenke, gibt es schon ein paar Leute, neben denen er gerne stehen würde und nach einer halben Flasche Wein, würde er sogar leuchten. Die Erfahrung lehrt aber, dass das Glück in der Abwechslung besteht, egal wie stark momentan geleuchtet wird.
Wer von euch blinder Menschheit möchte ahnen,
Dass an der heiligen Lichter fünfter Stelle
Erglänzen des Trojaners Ripheus Mannen?

Im Original

Chi crederebbe giù nel mondo errante,
che Rifeo Troiano in questo tondo
fosse la quinta de le luci sante?

Wer wird glauben in dieser Welt des Irrtums,
dass der Trojaner Ripheus in diesem Kreise
Das fünfte Licht im Kreis der heiligen Lichter wäre?

Das stimmt, das hätte der Autor nicht geglaubt, er hätte angenommen es wäre das sechste und hätte sich dabei doch glatt um eine Position verschätzt. Unter den zahlreichen Kandidaten, die der Autor ins Paradies gesetzt hätte, wäre aber auf jeden Fall auch Ripheus gewesen. Was? Sie wissen nicht wer das ist? Na Sie haben aber ganz ernsthafte Bildungslücken würde ich sagen. Also der Ripheus taucht ziemlich unvermittelt in der Aeneas des Vergil auf.

Wird Koroibos zuerst am Altare der kriegrischen Göttin
Niedergehauen; auch Ripheus fällt, der Gerechteste aller
Teukrer und der zumeist im Volk sich der Billigkeit annahm.

Wer es genau ist, erfährt man nicht, auf jeden Fall ist es der Gerechteste unter den Trojanern, behauptet zumindest Vergil und Dante glaubt, dass das was Vergil sagt richtig sein muss. (Es gibt übrigens noch einen Kentaur der auch Ripheus heißt, der ist aber offensichtlich nicht gemeint.) Ripheus auf jeden schafft es ins Paradies, weil Vergil ihn als den Gerechtesten unter den Trojanern bezeichnet. Die ganze Organisation des Paradieses beruht also letztlich auf Sprachkonstrukten, die jeglichen empirischen Substrates entbehren. Das Paradies Dantes ist also der Vorläufer der Bürokratie. Diese wird weitgehend, vor allem im „Ausländerrecht“, weitgehend durch Sprachkonstrukte organisiert. Die Variante Ausländerrecht hatten wir auch schon in einer radikaleren Version, in Deutschland und anderswo. Da wurde eingeteilt, bis sich die Balken bogen, anhand rein sprachlicher Kriterien. Bei Dante wird das aber nochmal getoppt. Die Tatsache, dass die Sprache im Leerlauf läuft, wird hier metaphysisch aufgeladen, der Schwachsinn ideologisch verklärt. Der Philologenverband denkt ja viel über Sprachen nach, zum Beispiel hier.

Gymnasialer Sprachunterricht gibt Einblick in die Lebenswirklichkeit anderer Sprachgemeinschaften und fördert damit die Fähigkeit der Schülerinnen Schüler, die Lebensbedingungen und die kulturellen sowie damit auch die literarischen Traditionen fremder Länder kennen zu lernen und mit der eigenen Tradition zu vergleichen. Er gibt Aufschluss darüber, was Sprache ist und was sprachliche Kommunikation leistet. Durch Sprachreflexion befähigt er die Schülerinnen und Schüler, mit der Muttersprache bewusster umzugehen, und fördert die Bereitschaft zu kreativem Sprachgebrauch.

http://www.dphv.de

Hier haben wir es zum Beispiel ebenfalls mit einem Sprachkonstrukt zu tun, dem das empirische Substrat abhanden gekommen ist. Da die infos24 GmbH ja tatsächlich die umfangreichsten Sprachportale im Internet betreibt, die an linguistischer Durchdringung, Authentizität, präziser Analyse des Lautsystems, umfassender Darstellung der Kulturen verschiedener Sprachräume etc. allem, was am Markt (online und offline) vorhanden ist, überlegen ist, die verbeamteten Geistlichen aber für ein Projekt dieser Art, das der einzige Ansatz ist, der zu einem qualitativen Sprung in der Vermittlung von Fremdsprachen führt, nicht zu erwärmen waren, fragen wir uns schon, was sich hinter dem Blabla eigentlich konkret verbirgt. Glauben die Jungs und Mädels eigentlich tatsächlich, sind sie tatsächlich so saublöd, dass irgendjemand, der den Fremdsprachen Unterricht an einem deutschen Gymnasium „genossen“ hat, den Eindruck hat, hier irgendetwas über die Lebensbedingungen, kulturellen Traditionen und über das Wesen der Sprache erfahren zu haben? Glauben die Jungs und Mädels tatsächlich, dass der Horizont eines Leerkörpers über die Kästchenübungen hinausreicht? Sind sie eigentlich tatsächlich der Meinung, dass die Leerkörper irgendjemanden zu einer Sprachreflexion animieren können? Sind sie tatsächlich der Meinung, dass die universitären verbeamteten Geistlichen, die sich mit Dante und Ähnlichem beschäftigen Menschen werden ausbilden können, die irgendjemanden für fremde Kulturen begeistern? Und last not least, sind diese Leerkörper eigentlich selbst begeistert? Hinter dem hohlen Gebrabbel steckt ein Interesse, dass man anders als über Gesetze und Erlasse nicht meint durchsetzen zu können.

1. Fremdsprache (Beginn in der 3. Klasse) und 2. Fremdsprache (Beginn in der 6. Klasse)
Die 1. oder 2. Fremdsprache muss bis zum Abitur belegt werden. Sofern nicht zwei der Naturwissenschaften (Physik, Bio, Chemie) bis zum Abitur
belegt werden, muss eine zweite Fremdsprache bis zum Abitur belegt werden. Eine Fremdsprache muss Abiturprüfungsfach sein.

3. Fremdsprache (spätesten Beginn Klasse 9):
Die 3. Fremdsprache sollte mindestens drei Jahre erlernt werden; sie kann bis zum Abitur fortgeführt werden.

4. Fremdsprache (Beginn Klasse 11):
Eine 4. Fremdsprache sollte in beschränktem Umfang angeboten werden

Das heißt man fordert, dass der Staat das durchsetzt, was dem eigenen Prestige und Fortbestand nützt, verkauft das aber als das gesellschaftlich Notwendige, dem man dienen will. Ginge den Jungs und Mädels nicht die Gesamtkultur breitseitig am Arsch vorbei, dann hätten sie so ein Projekt, wie das der infos24 GmbH schon selbst auf die Beine gestellt. Auch, aber nicht nur, weil es zu Einsparungen bei den Schulbüchern in der Größenordnung von mehreren 100 Millionen Euro pro Jahr führt, Geld, das man dann in die Förderung der vorschulischen Bildung stecken könnte, bzw. zur Unterstützung von Kindern aus sozial schwachen Familien. Diesen Jungs und Mädels geht aber nicht nur die Bildung an sich am Arsch vorbei, denen geht so ziemlich alles am Arsch vorbei. Der Fokus ihres Interesses ist die steuerliche Absetzbarkeit ihres Schreibtisches. Wir sind gerne bereit, uns darüber ganz konkret, detailliert und mit Beispielen zu unterhalten. Auch öffentlich, etwa über ein Forum. Wir sind gerne bereit, hier mal ganz konkret die Substanz abzuklopfen. Die Leerkörper scheinen ein recht simplen Tatbestand nicht zu kapieren. Bildung ist nicht per Gesetz verordnet werden. Gelingt es nicht, den Kiddies klar zu machen, dass Fremdsprachen das Leben bereichern, dann kann man deren Vermittlung in der Schule auch komplett einstellen. Man kann die Kiddies per Gesetz zum Abitur in Spanisch, Französisch, Italienisch, Russisch, Latein whatever prügeln. Wenn sie es nicht lustig finden, werden sie sich danach nie wieder damit befassen, es war dann für die Katz. Für diese Prügelorgie braucht man keine Steuergelder einsetzen. Dann kann man es bei Englisch belassen. Es ist durchaus einsichtig, dass es für die Leerkörper einfacher ist, wenn Fremdsprachen qua Erlass etabliert werden, dann braucht man niemanden zu überzeugen. Wenn aber niemand überzeugt wird, ist es sinnlos. Die Leerkörper sollten sich an Dozenten in der freien Wirtschaft orientieren. Dort muss überzeugt werden. Das ist anstrengend, führt aber zu den besseren Ergebnissen. Die Leerkörper sollten sich weniger damit befassen, was der Staat tun kann, um sie an den Fleischtöpfen Ägyptens zu mästen, als damit, wie sie zu Profis werden, zu Dozenten, die auch in der freien Wirtschaft bestehen könnten. Eine sinnvolle Übung für den Deutschunterricht wäre es also, diesen Text oder einen ähnlichen Text, davon gibt es viele, auf das empirische Substrat abzuklopfen. Die Kiddies könnten dann lernen, ideologisch verquastes Blabla, dunkles Geraune, das im empirischen Nirvana blubbert, von einem gehaltvollen Text zu unterscheiden. Wer allerdings selber so phrasenhaft textet, ist für den Lehrerberuf ungeeignet. Des weiteren kann man die Seite des Philologenverbandes in alle Richtungen durchkreuzen. Begriffe wie Freude, Spaß, Kreativität, Begeisterung, Glück tauchen kein einziges Mal auf. Man sollte so freudlose Gestalten nicht an die Schulen schicken. Wieso die Leerkörper die oben genannten Ziele der Vermittlung von Fremdsprachen mit einem bestimmten Schultyp in Verbindung bringen (gymnasialer Fremdsprachenunterricht) hängt wohl mit deren Selbsteinschätzung zusammen. Irgendwie hängen sie der Schnapsidee nach, Elite zu sein. Das macht sich auch daran bemerkbar, dass sie sich sogar über die Berufsausbildung Gedanken machen, wobei allerdings völlig unklar ist, wieso Leute, die noch nie außerhalb der Schule gearbeitet haben, glauben, zu diesem Thema sonderlich viel zu sagen zu haben. Dante beschäftigt nun die Frage, wie ein Trojaner es ins Paradies geschafft hat.

Hier sieht er – hier an ewger Gnadenhelle
So mancherlei, in das kein Auge dringt,
Obwohl auch er nicht späht zum Grund der Quelle!

Im Original

Ora conosce assai di quel che 'l mondo
veder non può de la divina grazia,
ben che sua vista non discerna il fondo»

Jetzt hat er viel erkannt von dem
was die von der göttlichen Gnade nie erkennt,
auch wenn sein Blick noch nicht den Grund erblickt

Es spricht immer noch der Geier und der, der jetzt zwar einiges erfahren hat von der göttlichen Gnade aber immer noch nicht durchblickt, ist Trajan. Sollten Sie also immer noch nicht durch die Wirren der göttlichen Gnade durchblicken, so können Sie sich damit trösten, dass Trajan auch nicht durchblickt.

Der Lerche gleich, die erst sich jubelnd schwingt
Zum Morgenäther auf, dann – stillzufrieden
Mit ihrem letzten Triller – nicht mehr singt

So schien das Bild mir, draus für uns hienieden
Der Sehnsucht ewges Wohlgefallen spricht,
Das alten Stoff und Bildungsform beschieden

Im Original

Quale allodetta che 'n aere si spazia
prima cantando, e poi tace contenta
de l'ultima dolcezza che la sazia,

tal mi sembiò l'imago de la 'mprenta
de l'etterno piacere, al cui disio
ciascuna cosa qual ell'è diventa.

Wie eine Lerche, die sich singend in die Luft
Erhebt, um dann zufrieden zu verstummen,
nach der letzten Süße die sie sättigt,

so erschien auch mir das Bild geprägt
Durch ewiges Wohlgefallen, das jedem Dinge
Die Sehnsucht gibt, zu werden wie es

Uf! Also der Geier hat jetzt einen langen Vortrag gehalten, über irgendwelche Könige, Kaiser, Fürsten, die gerecht waren, bzw. nach Meinung des Geiers gerecht gewesen sein sollen. Sein eigener Vortrag hat ihn so tief beglückt, dass er dann schweigt. Die Lustgefühle des Geiers werden dann mit der einer Lerche verglichen, von der Dante annimmt, dass sie schweigt, wenn sie ob der Süße ihres eigenen Gesanges tief beglückt ist. Dante kann sich zwar schlecht in das Innenleben eines Menschen hineinversetzen, sieht diesen lediglich durch das Schema einer Ideologie, aber mit dem Seelenleben einer Lerche scheint er sich auszukennen. Dass Dante davon ausgeht, dass alle, die den Geier betrachten so werden wollen wie er, finden wir prinzipiell gut, leider wissen wir aber nicht, für was der Geier konkret steht. Er steht ganz offensichtlich für das gerechte Kaisertum, aber wenn alle Kaiser werden wollen, gibt es eben genau die Probleme, die Dante so heftig beklagt.

Obwohl mein Zweifel klar mir im Gesicht
Wie Farbe hinterm Glase mochte stehen,
Ertrug ich doch das Warten schweigend nicht,

Und ließ den Ausruf …“Wie kann das geschehen…?“
Mir durch des Staunens starken Druck entlocken,
Drauf rings ein großer Freudenglanz zu sehen!

Das geht jetzt so. Im 19. Geträller hat uns der Geier erzählt, warum wir die göttliche Gerechtigkeit nicht verstehen, also nicht verstehen, dass Ungetaufte, selbst wenn sie gerecht waren, nicht in den Himmel kommen. Die Argumentation lief darauf hinaus, dass wir sie nicht verstehen, weil wir sie nicht verstehen. Jetzt erklärt er uns, warum einige Ungetaufte doch ins Paradies kommen. Da der Geier aber hochbeglückt darüber ist, dass Dante verstanden hat, dass er die göttliche Gereichtigkeit nicht versteht, weil er sie nicht versteht, sein Vortrag also didaktisch brilliant aufgebaut war, freut er sich wie ein Suppenhuhn, dass noch mal haarscharf am Kochtopf vorbeigeschrammt ist.

Und jetzt – im Auge hellre Flammenflocken -
Gab Antwort mir das benedeite Zeichen,
Damit mein Herz nicht länger sei erschrocken:

Im Original

appresso, con l'occhio più acceso,
lo benedetto segno mi rispuose
per non tenermi in ammirar sospeso:

worauf, mit noch glänzenderem Auge,
antwortete mir das gebenedeite Zeichen
um mich nicht weiter in Wankelmut zu halten:

Wir verstehen nun wiederum gar nicht, wie Dante noch wankelmütig sein kann. Er hat bis jetzt begriffen, dass die göttliche Gerechtigkeit für sein Hirn, das ja ganz im irdischen Jammertal verhaftet ist, eben diese
nicht begreifen kann. Wenn er dies verstanden hat, kann es kein Ereignis geben, das mit dieser Erkenntnis nicht übereinstimmt. Dass man ungetauft ins Paradies kommt ist dann so verständlich oder unverständlich, wie dass man getauft ins Paradies kommt. Gottes Gerechtigkeit ist eben unverständlich. Was wir bei Dante aber sehen ist, dass wir durch ein paar völlig sinnlose Annahmen zu höllisch komplizierten Systemen kommen. Das ist auch im Steuerrecht so. Neuerdings wird ja von Unternehmen, die ihre Rechnung online verschicken, eine digitale Signatur verlangt. Damit soll gewährleistet werden, dass diese nicht gefälscht wird. Das führt dann zu abenteuerlich komplizierten Systemen, weil das technisch implementiert werden muss. Im Hirn irgendeines Beamten beim Ministerium für Finanzen hat sich die Idee festgesetzt, dass eine Rechnung auf Papier nicht gefälscht werden kann (dass also Adobe Photo Shop und Konsorten nicht existiert), eine digitale Signatur aber gefälscht werden kann. Die reichlich danteske Grundannahme führt jetzt zu einem System, dass die armen Finanzbeamten absolut nicht mehr durchschauen. Dante war ja mal in der öffentlichen Verwaltung in Florenz beschäftigt, das hat sein Gehirn offensichtlich nicht überlebt, denn so organisiert er jetzt auch das Paradies. Das ist eines der wenigen Dinge, die wir nachvollziehen können. Wer ein paar Jahre im öffentlichen Dienst beschäftigt war, der ist einfach für nichts mehr zu gebrauchen.

„Ich seh, du glaubst die Dinge, weil dergleichen
Ich dir gesagt, doch bleibt dir fremd der Grund;
Der Schleier wird dir nicht vom Glauben weichen,

Solang dir alles nur nach Namen kund,
Gleich dem, der die Dinge unterscheiden
Nach ihrem Wesen lernt durch fremden Mund

Im Original

Io veggio che tu credi queste cose
perch'io le dico, ma non vedi come;
sì che, se son credute, sono ascose.

Fai come quei che la cosa per nome
apprende ben, ma la sua quiditate
veder non può se altri non la prome.

Ich sehe, dass du die Dinge glaubst
Weil ich sie sage, doch nicht siehst warum;
ganz so, als ob geglaubt, sie auch verstanden.

Du tust wie jene, die das Ding nur
Beim Namen nennen, doch ihre Eigenschaften
kann nicht sehen können, wenn ein anderer sie nicht zeigt

Ops?! Da sind wir jetzt natürlich platt. Entpuppt sich unser Dante auf seine alten Tage noch als ein Vorläufer der Aufklärung, hallt uns da aus den Tiefen des Mittelalters etwa ein kantsches „sapere aude“, wage zu wissen, entgegen, die Aufforderung, den Dingen auf den Grund zu gehen? Saß Dante beim verfassen dieser zwei Terzinen unter einer schattigen Platane und nicht in seiner Studierstube beim funseligen Licht einer Öllampe? Der große Referenzierer, der Dinge ausschließlich beim Namen nennt und von deren empirischem Substrat völlig abstrahiert, der also nur noch mit Wörtern jongliert, entdeckt jetzt, dass Wörter ein empirisches Substrat haben. Er entdeckt sogar, dass es Leute gibt, die Dinge nur mit dem Namen nennen, aber im Grunde keine Vorstellungen von diesen haben. Da fragen wir uns doch glatt, wo er einen solchen Menschen schon mal getroffen hat. Die Terzinen haben aber auch was Beruhigendes. Zeigen, dass auch bei einem ermatteten Geist in den Fängen des Wahnsinns, der gesunde Menschenverstand ab und an wieder aufleuchten kann. Das wird Dante zwar nicht in die Welt des tobenden Lebens zurückführen, sondern ganz im Gegenteil, der Versuch, dieses kurze Aufflackern der Verstandes in seinen Irrsinn zu integrieren, wird ihn noch tiefer in die Irre führen, aber es stimmt doch hoffnungsvoll, dass der Verstand immer wieder aufleuchtet. Da Dante sein Problem benennt, vermuten wir, dass es ihm in lichten Momenten sogar bewusst war.

Wohl kann des Himmelreich Gewalt erleiden,
Wenn Hoffnung es und Liebesglut bekriegen!
Doch wird auch scheinbar Gott besiegt von beiden,

Ist‘ s doch nach Menschenart kein Unterliegen:
Gott will besiegt sein, daher sein Ergeben,
Er will durch Güte als Besiegter siegen!

Im Original

*Regnum celorum* violenza pate
da caldo amore e da viva speranza,
che vince la divina volontate:

non a guisa che l'omo a l'om sobranza,
ma vince lei perché vuole esser vinta,
e, vinta, vince con sua beninanza

Das Reich des Himmels erleidet Gewalt
durch heiße Liebe und lebende Hoffnung,
die besiegt den Willen Gottes:

doch nicht wie der Mensch, den Menschen überwindet,
sie wird besiegt, weil besiegt zu sein ihr Streben,
und, besiegt, besiegt sie mit ihrer Güte

Die Idee ist, dass der Mensch mit heißer Liebe und Hoffnung den Himmel besiegt, die er wiederum vom Himmel erhalten hat, so dass der Mensch quasi den Himmel mit den Mitteln des Himmels besiegt. Es ist zwar weitgehend unklar, was das mit dem Thema zu tun hat, nämlich dass ein Ungetaufter in den Himmel kommt, interessant jedoch sind hierzu die Kommentare. Denn keiner der Kommentatoren kann mit dem Quark was anfangen, aber jeder tut so, als ob er dies könnte. Der Autor hat, wie bereits erwähnt, durchaus Verständnis für die Strategie „wenn du sie nicht überzeugen kannst, dann verwirre sie“, allerdings kann er die flächendeckende Einführung dieses Systems nicht gutheißen. Diese Taktik dominiert vor allem im Bereich Wirtschaftsgeschichte. Historiker haben in der Regel eine Ahnung von Wirtschaft, wie die Kuh vom Feierabend, obwohl es eine Spezialisierung gibt, Wirtschaftsgeschichte eben, die man sogar studieren kann. Da werden dann irgendwelche Thesen der Wirtschaftstheorie lose referenziert (… die Politik des New Deals von Franklin D. Roosevelt, die auf dem aufkommenden Keynesianismus beruhte, führte...), ohne dass diese Theorie eigentlich verstanden worden wäre. Ähnliches finden wir heute praktisch täglich in der jeder x-beliebigen Tageszeitung. Zwar funktioniert, wie bereits erörtert, Demokratie auch ohne Demokraten und qualifizierte Wähler, allerdings funktioniert sie noch besser, wenn die Leute durchschauen, was da passiert. Von über Steuergelder finanzierten Organisationen darf man also schon verlangen, dass sie wissen, wovon sie reden und das auch klar darstellen können. Das würde auch das intellektuelle Niveau der Journaille erhöhen, würde eher gewährleisten, dass diese eine solide Ausbildung erhalten. Das ist auch gut für die Journaille selbst. Liefern sie nämlich nichts weiter, als einen weitgehenden unstrukturierten Textbrei, werden sie parallel zum Internet nicht bestehen können. Die New York Times ist die erste große Zeitung die Konkurs angemeldet hat und platt ist, es ist aber nicht die letzte. Niemand bezahlt für Dreck, wenn es im Internet kostenlos Qualität gibt. Ein hübsches Beispiel für das, was nicht geht, haben wir hier. Der gute Baehr, also der, der die Kommentare zur Reclam Ausgabe geschrieben hat, schreibt als Anmerkung dies.

vgl. Matth. 11, 12

Nichts weiter. Zu Deutsch, er hat keinen Plan. (Auf die entsprechende Bibelstelle kommen wir gleich zurück). Wissenschaftlichkeit wird oft dadurch suggeriert, dass man irgendeinen Unsinn zitiert. Dadurch kann man suggerieren, dass man den Unsinn auch verstanden hat. Die finale Wirkung allerdings ist eine allmähliche Auflösung des Gehirns. So einen Unsinn muss man nicht mit Steuergeldern finanzieren. Der gute Falkenhausen, in der erwähnten Inselausgabe schreibt dies.

Zunächst wird die Erhörung von Gregors Fürbitte für Trajan nach dem evangelischen Spruch Vers 94 und der Lehre vom bedingten Willen Gottes erläutert, dessen Ratschluss durch Liebe und Hoffnung aus Gnaden erläutert, dessen Ratschluss durch Liebe und Hoffnung aus Gnaden verwandelt werden könne. Mit Hilfe der Dogmen von der fides implicita und dem baptisma poenitentiae, das heißt von der Möglichkeit eines Glaubens an die künftige Erlösung und eines Ersatzes der Taufe durch innere Heiligung (…), wird sodann festgestellt, dass beide tatsächlich als Christen gestorben seien.

Der gute Falkenhausen zielt also endgültig auf Verwirrung. Er hat wiederum aus anderen Anmerkungen entnommen, dass die Terzinen in Zusammenhang mit Matth. 11, 12 stehen sollen, hat aber den Zusammenhang auch nicht verstanden. Er wird dann also noch eine Stufe dunkler und spricht von „evangelischem Spruch“. Mätthäus ist in der Tat einer der vier Evangelisten (Markus, Matthäus, Lukas, Johannes), aber Sprüche haben die reichlich. Wir können hier also in vivo betrachten, wie der eine vom anderen irgendwelchen Unsinn abschreibt damit das dunkle Geraune irgendwie tiefsinnig klingt. Diese Technik ist ungemein beliebt. Aussagekräftiger ist der italienische Kommentar.

Regnum coelorum: il regno dei cieli si lascia vincere dall'amore e dalla speranza con cui gli uomini ad esso si rivolgono; ma non come accade tra gli uomini che l'uno sopraffà (" sobranza ") l'altro; anzi qui è la divina volontà a vincere, perché vuole essere vinta e, pur essendo vinta, vince con la sua benignità. Viene qui in parte ritagliata, in parte volgarizzata e chiosata una celebre massima evangelica: "Regnum
coelorum vim patitur et violenti rapiunt illud" (Matth., XI 12).

Regnum coelorum: Das Reich der Himmel kann durch Liebe und durch die Hoffnung bezwungen werden, mit deren Hilfe sich die Sterblichen an dieses wenden; es ist aber nicht so, wie unter den Menschen, wo
der eine den anderen niederringt; es ist der göttliche Wille der obsiegt, weil er besiegt werden will, und durch seine Güte siegt, obwohl er besiegt ist. Was wir vor uns haben ist teilweise ein Ausschnitt, teilweise eine Vereinfachung und Interpretation der bekannten evangelischen Maxime: „Regnum
coelorum vim patitur et violenti rapiunt illud" (Matth., XI 12).“

Der italienische Kommentar gibt einerseits eine Interpretation der zwei Terzinen, die plausibel ist, benennt aber andererseits das Problem. Der Zusammenhang zu Matthäus, 11, 12 ist ziemlich dünn:

Aber von den Tagen Johannes des Täufers bis hierher leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalt tun, die reißen es an sich.

Wahrscheinlich ist, dass Dante wieder in seiner Studierstube beim beim fuseligen Licht einer Petroleumlampe irgendeinen Theologen studiert hat.

Dich wundert meiner Braue erstes Leben
Und fünftes, weil du siehst mit Glanz die beiden
Das Land der Engel malerisch durchweben

Im Original

La prima vita del ciglio e la quinta
ti fa maravigliar, perché ne vedi
la region de li angeli dipinta

Das erste und das fünfte Wesen meiner Wimper
versetzt dich in erstaunen, weil du das Reich
Der Engel siehst bemalt mit ihnen

Das erste Wesen ist Trajan, das fünfte Ripheus. Wir wundern uns im übrigen weniger wegen der Tatsache, dass diese beiden im Himmel gelandet sind, als darüber, dass er uns nur erklärt, wie diese beiden Ungetauften es ins Himmelreich geschafft haben, sich über die anderen Ungetauften, die wir im Himmel finden, aber ausschweigt. Wir finden ab und an die Behauptung, dass Dante mit der Versetzung von Ungetauften ins Paradies die Macht der katholischen Kirche, die ja die Sakramente verleiht, in Frage stellen wollte. Hätte er dies aber tun wollen, dann hätte er den Plunder auch gleich abschaffen können.

Doch starben sie nicht, wie du wähnst, als Heiden:
Der glaubte an das Leid, als es betroffen
Den Heiland, der an Christi künftige Leiden

Im Original

D'i corpi suoi non uscir, come credi,
Gentili, ma Cristiani, in ferma fede
quel de' passuri e quel d'i passi piedi

Doch ihren Körpern entstiegen keine Heiden, wie du
glaubst, sondern Christen, fest im Glauben Jener an
die Schritte die kommen, jener an die, die gewesen

Ripheus starb auf jeden Fall mal vor Christi Geburt. Er konnte also nur daran glauben, dass Christus irgendwann sterben wird. Trajan (geb. 53, gest.117), musste nur noch daran glauben, dass er (Christus) gestorben war. Die Übersetzung von passuri piedi und passi piedi bereitet etwas Schwierigkeiten, es handelt sich um eine lateinische Konstruktion. Passuri ist ein (lateinisches) Partizip Futur Aktiv, das mit piedi übereinstimmt (die Schritte, die gehen werden). Passi ist ein (lateinisches) Partizip Perfekt (die Schritte, die zurückgelegt wurden). Wie Dante allerdings auf die Schnapsidee kommt, dass für Trajan Christus etwas anderes ist als ein Mensch, der eben gekreuzigt wurde, was ja dauernd geschah, ist Dantes Geheimnis. Dante kann offensichtlich nicht trennen zwischen Legende und historischen Fakten. Stimmte die Legende, dass Gregor I für das Seelenheil Trajans betete, bis dieser aus der Hölle entlassen wurde, dann wäre Trajan auf jeden Fall für die christliche Nächstenliebe das ungeeignete Objekt gewesen. Den von diesem ist der Briefwechsel mit seinem Stellvertreter in der Provinz Bithynien (Plinius) überliefert. Dort lesen wir.

Fahnden soll man nicht nach ihnen; wenn sie aber angezeigt und überführt werden, muß man sie bestrafen, so jedoch, daß einer, der leugnet, Christ zu sein, und dies durch die Tat, d. h. durch Vollzug eines Opfers für unsere Götter, unter Beweis stellt, aufgrund seiner Reue zu begnadigen ist, wie sehr er auch für die Vergangenheit verdächtig sein mag.

Das heißt, dass, die, die verdächtig waren, Christen zu sein, vor den Augen des Richters einem römischen Gott in Anwesenheit der Statue Trajans ein Opfer darbringen mussten, um so zu beweisen, dass sie eben keine Christen waren, andernfalls wurden sie hingerichtet. Wenn Dante jetzt Trajan als einen Vorläufer des Dominikus sehen würde, wäre das wenigstens konsequent, der eine Inquisitor löst den anderen ab, so allerdings ist es schlicht ein Schwachsinn. Wir vermuten, dass es kein Zufall ist, dass Dante teilweise Figuren aus der antiken Mythologie auf dieselbe Stufe stellt, wie Personen aus der Geschichte, er kann zwischen diesen beiden gar nicht unterscheiden. Wenn Trajan ins christliche Paradies kommt, dann ist Gottes Gerechtigkeit allerdings tatsächlich völlig undurchschaubar, die Frage ob getauft oder ungetauft, spielt dann überhaupt keine Rolle mehr.

Drum aus der Hölle kam – die sonst nie offen
Der Besserung steht – der erste neu ins Leben
Zum Lohn allein für sein lebendges Hoffen

Im Original

Ché l'una de lo 'nferno, u' non si riede
già mai a buon voler, tornò a l'ossa;
e ciò di viva spene fu mercede:

Und dies war der Lohn für lebendiges Hoffen:
Dass einer wiederkehrt aus der Hölle, aus der
Man nie entkommt durch Reue, zurückkehrte zum Knochen

Den Trajan hätte Gregor I, mal ganz irdisch gesehen, besser in der Hölle belassen.

So war für kurze Zeit im Fleisch erstanden
Der Ruhmgekrönte, und er glaubte frommen
Gemüts an den, wo alle Hilfe fanden

Bis an Verdiensten, liebesglutentglommen,
Er bis zum zweiten Tod soviel gehäuft,
Dass er zur Seligkeit ward aufgenommen

Wir wissen ja nicht, ob Dante selbst an sein Geschreibsel glaubt, aber abgesehen davon, ist es auch logisch unsinnig. Wenn einer schon in der Hölle gebraten wurde, fällt es natürlich nicht mehr besonders schwer, an die Hölle zu glauben, dann ist sie ja Gewissheit. Krass wäre nur ein Beispiel, wo einer in der Hölle war, wieder auftaucht und alles tut, um da wiederhinzukommen. Möglich ist das dann, wenn er nach der Hölle auch ans Paradies glaubt, weil da will ja kein normaler Mensch hin.

Der zweite war aus Gnade – die entträuft
So tiefem Bronn, dass keine Kreatur
Hinabspäht, wo die erste Welle läuft -

Entbrannt im Eifer für das Rechte nur,
Dass ihm des Ewgen neue Gnaden lösten
Das Auge, bis Erlösung es erfuhr

Im Original

L'altra, per grazia che da sì profonda
fontana stilla, che mai creatura
non pinse l'occhio infino a la prima onda,

tutto suo amor là giù pose a drittura:
per che, di grazia in grazia, Dio li aperse
l'occhio a la nostra redenzion futura;

Die andere, dank der Gnade, die aus
So tiefer Quelle sprudelt, dass nie ein Wesen
Mit dem Aug bis zur ersten Welle drang

legte gleich dort seine ganze Liebe:
damit gnadenvoll Gott ihm öffne
Das Auge zu unserer zukünftigen Erlösung

Gemeint ist Ripheus. Über diesen ist faktisch, außer dass Vergil ihn als den Gerechtesten der Trojaner bezeichnet, mehr oder weniger nichts bekannt. Bezeichnend ist, dass Dante Ripheus (eine Gestalt der Mythologie und eines literarischen Werkes) im Hinblick auf die Historizität auf die gleiche Stufe stellt wie Trajan, eine zweifelsfrei historische Gestalt. Man wird kaum anführen können, dass die Divina Commedia selber ein fiktionaler Text ist und in einem solchen Figuren aus der Mythologie gleichbehandelt werden können wie Figuren aus der Geschichte. Dem steht entgegen, dass Dante immer wieder den Anspruch erhebt, die Handlung als logisch plausibel erscheinen zu lassen, also diesen fiktionalen Charakter negiert. Wahrscheinlicher ist, dass Dante ganz allgemein einen, sagen wir mal, lockeren Bezug zu geschichtlichen Fakten hat, diese nur noch die Projektionsfläche seiner Vorstellungen darstellen. Bei dieser Sichtweise ist dann der Unterschied zwischen Mythos und Geschichte egal. Man wird einem fiktionalen Text, der historische / mythologische Figuren / Ereignisse zum Gegenstand hat auch nicht vorwerfen, dass, die historischen Fakten nicht korrekt dargestellt sind. Man wird dieses Kriterium nicht an Wallenstein oder Maria Stuart von Schiller anlegen, nicht an ein Werk wie Goya von Feuchtwanger und auch nicht an Joseph und seine Brüder von Thomas Mann. Allerdings wird man den Rang eines solchen Werkes daran messen, ob die Figuren zum Leben erweckt worden sind, ob es der Autor geschafft hat, seine Charakterisierung der Personen suggestiv zu beschreiben. Die Divina Commedia ist im Grunde nichts anderes, als die gelben Seiten alter Prägung mit drei Branchen: Hölle, Läuterungsberg und Paradies. Da sich durch das Internet aber auch die gelben Seiten ins Nirvana verabschiedet haben, ist die Divina Commedia irgendwas reichlich Undefiniertes.

Drum glaubte er an Gott, und Abscheu flößten
Ihm Heidenopfer ein, tadelnd die Scharen,
Die blindverstockt sich noch des Heils entblößten

Schwierig, schwierig. Ripheus ist eine Gestalt aus dem trojanischen Krieg, dieser wird erstmals bei Homer geschildert, dieser lebte 800 vor Christus. Der dort beschriebene Krieg fand etwa 1200 vor Christus statt. Geschichtsschreibung im heutigen Verständnis setzt mit Herodot ein, also 400 vor Christus. Die Faktenlage ist also so dünn, dass wir auch sagen könnten, sie existiert gar nicht. Über ein Figur aus dieser vorgeschichtlichen Zeit macht Dante nun Aussagen und zwar in derselben Art, wie er vorher Aussagen über Trajan gemacht hat, bei dem es sich ja zweifelsohne um eine geschichtliche Gestalt handelt. Wenn also Ripheus an den Gott der Christen glaubte, dann glaubt der Autor an den Weihnachtsmann und an den Osterhasen.

Es weihten ihn die drei vor tausend Jahren,
Die du am rechten Rade sahest stehen,
Weil Taufen damals noch nicht üblich waren

Im Original

Quelle tre donne li fur per battesmo
che tu vedesti da la destra rota,
dinanzi al battezzar più d'un millesmo

Jene drei Frauen taugten ihm zur Taufe
Die du sahst am rechten Rad,
mehr als tausend Jahre noch bevor das Taufen üblich

Richtig ist die zeitliche Einordnung, Ripheus „lebte“ tatsächlich mehr als tausend Jahre vor Christi Geburt, was wir aber als Zufallstreffer bezeichnen würden, denn die eine wissenschaftliche fundierte zeitliche Zuordnung ist erst seit der Entdeckung Schliemanns im Jahre 1868 möglich (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Troja). Der Halbsatz „Jene drei Frauen taugten ihm zur Taufe, die du sahst am rechten Rad…“ bezieht sich auf die Darstellung der Kirche im Läuterungsberg (Läuterungsberg 29). Vermutlich wurden hier die drei Grazien der griechischen Mythologie Euphrosyne (der Frohsinn), Thalia (die Festfreude) und Aglaia (die Glänzende) umgedeutet zu Glauben, Hoffnung und Barmherzigkeit. Unter Umständen ist gemeint, dass Ripheus ins Paradies kam, weil er diese Umdeutung vornahm, das heißt aus einer griechischen Lebensbejahung zu einem gotischen Jammertal hinüberwechselte, den Blick fest auf‘ s Jenseits gerichtet.

Oh Gnadenwahl! In welcheTiefen gehen
Doch deine Wurzeln; euren Augenlichtern
Wird keine Kraft, je auf den Grund zu sehen:

Im Original

O predestinazion, quanto remota
è la radice tua da quelli aspetti
che la prima cagion non veggion *tota*!

Oh Vorhersehung, wie weit entfernt
Sind deine Wurzeln von jenen Blicken
die nicht den ganzen Grund erblicken

Da hat er Recht. Wieso ein Christenfresser wie Trajan ins christliche Paradies kommt, aber Francesca und Paola, die nichts weiter taten, als eine durch Betrug entstandene Heirat zu verraten in der Hölle schmoren, das versteht kein Mensch. Man kann sich ja schon über die irdische Gerechtigkeit Gedanken machen, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass massig Rechtsanwälte durch die Gegen laufen, die, vorsichtig formuliert, keine Ahnung haben, aber im Vergleich zur himmlischen Gerechtigkeit, scheint die irdische geradezu paradiesisch, weil zumindest in groben Zügen und von der Richtung her kalkulierbar. Was man immer auch unter Gerechtigkeit verstehen mag, eine Eigenschaft ist sicher kalkulierbarkeit. Im Himmel scheinen aber selbst elementarste Rechtsgrundsätze nicht mehr zu gelten.

Drum, Sterbliche, werft euch nicht auf Richtern!
Selbst uns, die Gott erschaun, enthüllt sich nicht,
Wer auserwählt, vor unseren Angesichtern

Im Original

E voi, mortali, tenetevi stretti
giudicar; ché noi, che Dio vedemo,
non conosciamo ancor tutti li eletti;

Und ihr, Sterbliche, haltet zurück
Mit ihrem Urteil; denn selbst wir, die wir
Gott sehen, kennen noch nicht alle Erwählten

Das glauben wir ihm auf‘ s Wort. Denn wenn man die historische Faktenlage betrachtet, dann ist das Paradies tatsächlich reichlich merkwürdig ausgestattet.

Doch freudig leisten wir darauf Verzicht,
Weil unser Wohl sich steigert in dem Heile,
Dass Gottes Wille unsre schönste Pflicht

Im Original

ed ènne dolce così fatto scemo,
perché il ben nostro in questo ben s'affina,
che quel che vole Iddio, e noi volemo».

Und diese Begrenzung ist uns Labsal,
Weil unser Wohl dadurch wird gesteigert
dass das was Gott begehrt, auch wir begehren

Da gibt es jetzt mehrer Möglichkeiten. Entweder ist Dante eine entsetzlich Labertasche und es bedeutet schlicht gar nichts, oder er hat tatsächlich eine derartige Heidenangst vor dem Tod, dass er sich vor Gott so klein macht wie nur möglich, um ihn ja gnädig zu stimmen. Die Angst vor Gott hat ja immer schon zu dem skurrilsten Verhalten geführt, von den Menschenopfern der Atzteken bis zu Martin Luther, der Satan mit einem Tintenfass bombardierte. Dieses Verhalten wäre dann zu bewerten als ein Spezialfall der Überidentifikation im Allgemeinen. Die Übermacht wird verinnerlicht, weil nur durch die innere Zurichtung auf das Übermächtige das Spannungsfeld zwischen Individuum und Macht aufgehoben werden kann. Dann ginge das eher so in Richtung Diedrich Heßling, dem Untertan im gleichnamigen Roman von Heinrich Mann. Mit diesem hat Dante ja wohl ohnehin einiges gemeinsam: Nationalismus, Bewunderung für das Militärische, Wunsch aufzugehen im großen Ganzen, Sehnsucht nach einem starken Kaiserreich, Intoleranz, Aversion gegen alles Sexuelle.

So ward – dass nicht die Blindheit länger weile
Auf meinem Auge – von den Gottgeweihten
Die süßeste Arznei mir hold zuteile

Im Original

Così da quella imagine divina,
per farmi chiara la mia corta vista,
data mi fu soave medicina

So kam von jenem göttlichen Bild,
um zu erweitern meine kurze Sicht der Dine,
eine sanfte Medizin

Die Medizin war ungeheuer sanft. Er erfährt, dass (1) der Christenfresser Trajan im Christenhimmel gelandet ist, weil Gregor I für ihn gebetet hatte, dass (2) Rhipius da gelandet ist, weil Vergil sagt, dass er der Gerechteste unter den Trojanern war und Gott sich dem Urteil Vergils anschloss und dass (3) der Mensch zu blöd ist, Gottes Gerechtigkeit zu durchschauen. Allein der (3) Punkt, scheint plausibel. Also wenn das eine sanfte Medizin war, dann würde den Autor mal interessieren zu erfahren, was eigentlich eine starke Medizin wäre. Auf jeden Fall war es mal starker Tobak.

Und wie ein guter Harfner zu begleiten
Den guten Sänger pflegt mit kundger Hand,
Dem Liede höhern Wortlaut zu bereiten,

So – während sich der Aar an micht gewandt -
Sah ich mit seiner Worte Klang zusammen,
Gleichmäßig wie sich regt der Wimpernrand,

Bewegen sich die beiden heiligen Flammen

Das läuft jetzt auch wieder unter der Kategorie Wortkonstrukt. Unsere Prognose ist, dass Dante auf den letzten 13 Gesängen endgültig psychisch zusammenbricht und in ärztliche Behandlung muss. Wäre man schriftstellerisch begabt, also schon irgendwie die Liga Lion Feuchtwanger oder Thomas Mann, dann könnte man einen Roman schreiben über Dante Alighieri, allerdings müsste dann tatsächlich der gesamte Kontext aufgerollt werden und tatsächlich ermittelt werden, wie der mittelalterliche Mensch tickte. Würde sich das, was wir konstatieren, eine von jedem empirischen Substrat gereinigte Sprache, extremer Dogmatismus, völlige Unfähigkeit soziale Probleme systematisch zu analysieren, einfache Lösungsansätze auf komplexe Fragen, Aversion gegen alles Sexuelle, Angst, Wahrnehmung der Welt nur noch durch das Raster einer Ideologie, hahnebüchene Argumentationsweise etc. relativieren, wenn wir es im Kontext des Mittelalters sehen oder würde sich im Gegenteil zeigen, dass wir ähnliche Verwerfungen auch heute beobachten können. Ein Psychogramm Dantes wird aber niemand schreiben können, dazu liegen zu wenig Daten vor. Man müsste sich ein Bild machen können, was man nicht kann, wie er als Kind war, als Jungendlicher und was ihn dazu trieb, sich mit diesem ganzen Thomas von Aquin Hokuspokus zu beschäftigen. Man müsste Freunde beschreiben und die Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten aufzeichnen können. Man müsste etwas wissen über seine weiblichen Zeitgenossen. Man müsste wissen, welche Handlungsalternativen ihm jeweils zur Verfügung standen und wie andere in ähnlichen Lebensumständen zu dieser Zeit reagiert haben. Hilfreich wären Beschreibungen von Zeitgenossen. Dem Autor ist kein literarisches Werk bekannt, dass uns einen ähnlich verwirrten Menschen offenbart. Das ist vielleicht das tatsächlich Einzigartige an der Divina Commedia. Obwohl das Werk das geballte dichterische Unvermögen ist, also im Grunde an keiner Stelle hier ein Dichter die Personen oder Ereignisse zum Leben erweckt hat, es lediglich die schematische Darstellung einer Ideologie ist, enthüllt sich uns doch ein tief verwirrter Geist. Die dichterische Durchdringung besteht in der fundamentalen Nichtdurchdringung. Die totale Abwesenheit eines Subjekts, die sich durch die formelhaften Beschreibungen der Wahrnehmung eben dieses Subjekts äußert, ist das einzige, was wir über das Subjekt Dante erfahren. Der Autor würde sagen, in dieser Reinheit wird man ein solches Phänomen nie mehr studieren können, dieses Konstrukt war nur im Mittelalter möglich. Man mag bei der verquasten und jedes empirischen Substrates ledigen Sprache versucht sein Parallelen zu sehen, man mag, das liegt nahe, bei der Sehnsucht nach einer starken militärischen Macht an bestimmte Strömungen der Zeitgeschichte denken, man mag Parallelen zu sehen zu ideologisch verbohrtem Gebrabbel heutiger Ideologien. Der heutige Mensch allerdings hat die Möglichkeit, die Dinge differenziert zu betrachten. Ergiebiger, weil besser dokumentiert, wäre ein Roman über den durchschnittlichen Professor der romanischen Philologie, da ergäbe schon eine kurze Googleabfrage reichhaltiges Material. Die texten ähnlich pseudowissenschaftlich verquer, sind ähnlich verwirrt, haben ähnlich wenig Ahnung und rennen ähnlich desorientiert durch die Gegend. Die Scholastik ist nicht der einzige Frontalangriff auf das Gehirn. Parallelen lassen sich auch ziehen im Hinblick auf Selbstwahrnehmung, gesellschaftliche Wahrnehmung. Mit dieser Personengruppe hat der Autor auch mehr persönliche Erfahrung. Hierüber einen Roman zu schreiben wäre lustig, allerdings hat der Autor keine Zeit dazu. Er wird ein Portal zur Volkswirtschaftslehre aufbauen. Das scheint ihm das Sinnvollere, denn an der Transparenz wirtschaftlicher Prozesse scheint es zu hapern. Das Problem Geisteswissenschaften ist zwar, auch in Anbetracht der versenkten Steuergelder, ein trauriger Tatbestand, wird sich aber mit der Zeit von alleine lösen.