Dante und Vergil verlassen nun den zweiten Kreis, wo die schmorrten, die sich selbst Gewalt angetan haben, entweder weil sie sich selbst aus dem Leben verabschiedet haben, oder ihr Hab und Gut verschleuderten, und betreten den dritten Kreis, der aus einer Wüste besteht, auf die von oben ein Feuerregen rieselt, der wiederum den Sand zum glühen bringt, so dass die hier Verdammten dieses Kreises gleichzeitig von oben und unten gegrillt werden. Da die gesamte Hölle sich wie ein Amphitheater nach unten verjüngt, und der zweite Unterkreis des siebten Kreises ein Wald war, wird die ganze Wüste von eben diesem Wald umfasst. In diesem Kreis hausen die Gotteslästerer (liegend auf dem Boden), die andern kauernd (die Wucherer) und Wollüstigen rennen ununterbrochen durch die Gegend. Die Zuordnung, die Liegenden sind die Gotteslästerer, die Sitzenden die Wucherer und die Wollüstigen die herum Rennenden ergibt sich erstmal nicht aus dem Text. In der Literatur zur Divina Commedia findet sich diese Zuordnung ab und an. Stützen kann sich diese Sichtweise auf die Tatsache, dass die Strafen sehr oft analog zu der Sünde stehen. Die liegenden verschmähten Gott und ihre Verwünschungen fallen nun als Feuerregen auf sie zurück, die Wucherer waren untätig, verliehen Geld, welches nach Aristoteles allein keinen Reichtum schafft, lebten also von der Arbeit anderer Leute (ökonomisch gesehen ist das Stuss, weil Kapital nicht in den Konsum fließt, somit Kapital nur zur Verfügung steht, wenn jemand spart, was wiederum für Investitionen notwendig ist; ist hier aber egal) und die Wollüstigen rennen umher, wie sie schon im Leben von ihren Begierden geleitet umher rannten, von der Glut angefeuert.

Wir wissen bereits, dass bei Dante Figuren aus der vorchristlichen Zeit zwar nicht von den Segnungen des Christentums profitieren, auch wer sich nichts zu Schulden hat kommen lassen wie Vergil landet im ersten Kreis der Hölle, sehr wohl aber die Strafen erfahren, die das Christentum für bestimmte Sünden vorsieht. So geht es auch dem Riesen Kapaneus, von dem Dante erfahren will, wer er sei.

Wer ist der Große dort, der diese Glut
Verachtend, noch so dreist den Blick kann heben,
Als spräch er Hohn, der Flammenregenflut.


Wer ist also Kapaneus? Der vollständig halber die ganze Geschichte. König Laios von Theben (von Theben gibt es mehrere, eines davon auch das heutige Luxor in Ägypten, das ist nicht gemeint, gemeint ist das Theben im antiken Griechenland, das liegt in etwa da, wo heute Athen liegt) erhält vom Orakel von Delphi die Prophezeiung, dass er einen Sohn haben wird, der ihn umbringt und seine Frau, Iokaste, heiratet, also sozusagen seine Mutter. Laiso und Iokaste bekommen tatsächlich einen Sohn, Ödipus, den setzen sie mit durchgestochenen Füssen aus, damit nichts schief gehen kann. Ödipus wird aber von einem Hirten gefunden, der wiederum liefert ihn beim König von Korinth ab, Polybus und selbiger wieder adoptiert ihn. Weil ihm, Ödipus, Gerüchte zu Ohren kommen, dass er nicht der Sohn von Polybus sei, befragt er das Orakel von Delphi und dieses antwortet ihm, ganz konsequent in seiner Prophezeiung, dass er seinen Vater umbringen wird und seine Mutter heiraten wird. Daraufhin verlässt er Korinth, damit nichts schief geht und begegnet prompt seinem Vater. Dieser will zum gleichen Zeitpunkt durch eine enge Schlucht wie er und wie unter Autofahrern üblich, geraten sie in Streit und Ödipus erschlägt seinen Vater, dieses war der erste Streich und der zweite folgt zugleich. König von Theben wird jetzt Kreon, der Schwager des Laios und Bruder der Iokaste. Da die Sphinx die Reisenden bedroht, genau genommen jedem der vorbei zieht ein Rätsel stellt und ihn auffrisst, wenn er die Antwort nicht weiß, verspricht Kreon jedem, der das Rätsel löst, das Königreich Theben und seine Frau (von der er sich höchstwahrscheinlich ohnehin trennen wollte, womit Iokaste einverstanden war, denn die war auf der Suche nach einem Latin Lover.) Ödipus löst das Rätsel. Die Antwort auf die Frage, „Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein in der Zahl seiner Füße; aber eben, wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit bei ihm am geringsten.“ Ist schlicht der Mensch, der krabbelt am Anfang auf allen vieren, schreitet dann auf zwei Beinen einher und braucht im Alter einen Stock. Die Sphinx verhält sich dann wie Rumpelstilzchen 2000 Jahre später, bringt sich also um und Ödipus wird König von Theben mit seiner Mutter als Gattin. Das Orakel von Delphi ist allerdings voll bösartig und als eine Seuche ausbricht, prophezeit es, dass das erst aufhört, wenn der Mörder des Laios gefunden wird. Ödipus fragt daraufhin den Seher Teiresias wer den Laios ermordert hat. Dieser antwortet ihm dann, dass er es war. Daraufhin bringt sich Iokaste um und Ödipus sticht sich die Augen aus. Und die Moral von der Geschicht? Frag nie ein Orakel, das bringt nur Stress. Die beiden Söhne von Ödipus bekommen sich nun wiederum in die Wolle, weil sie beide regieren wollen, Der eine nun attackiert mit seinen Kumpels Theben, die Kumpels sind die Sieben von Theben und einer davon ist eben der Riese Kapaneus. Dieser wiederum lästert, dass er Theben auch gegen den Willen von Zeus platt macht, worauf Zeus ihm einen Blitz in den Schädel donnert, den Vulkan gerade frisch geschmiedet hatte. Also im Prinzip hat sich Kapaneus ja nur über einen aus der griechischen Götterfußballmannschaft lustig gemacht und gar nicht über den Gott Dantes, das hat ihm aber offensichtlich nicht viel genützt, auch er landet im siebten Kreis der Hölle.

Auch bei den anderen Versen müssen wir tief in die Trickkiste der griechischen Mythologie greifen.

Wie er in Phlegras Tal rief bei der Schlacht
Und sei auf mich sein stärkster Blitz geschwungen
Ich weiß, dass nie ihm frohe Rache lacht.

Bei den Griechen ging es ja zu, wie in einer Schultheiß Kneipe nach dem zehnten Bier. Am Anfang war Chaos, Chaos erzeugte vier Geschwister, darunter Gaia und Gaia ist die Erde. Diese zeugte mit ihrem Bruder (aber ohne Begattung) Uranus und mit Uranus, also ihrem Sohn, zeugte sie 12 Titanen, drei Kyklopen und drei Hekatoncheiren. Uranus wiederum fraß all seine Kinder, was wiederum Gaia ärgerte. Sie versteckte ihre Kinder und machte eine Sichel aus Stahl und bewegte Kronos, einen der 12 Titanen, Uranus mit der Sichel zu entmannen. Aus den Blutstropfen entsprangen dann die Furien und aus dem ins Meer geworfenen Glied Aphrodite, aber das ist erstmal egal. Kronos auf jeden Fall begattet seine Schwester Rhea, auch eine Titanin. Aber wie der Papa so der Sohn, Kronos frisst auch alle seine Kinder, bis auf Zeus, den Rhea versteckte. Als Zeus herangewachsen war, zwingt er Kronos seine Brüder wieder auszuwürgen und bringt ihn schließlich um, womit er der Herrscher der Welt wird. Auch seine ausgewürgten Brüdern und Schwestern machen noch Karriere, Poseidon wird Herscher der Meere, Hades der Herrscher der Unterwelt und seine Schwester heiratet er. Warum Dante nicht den Zeus selbst auch in den siebten Kreis zweiten Unterkreis schickte, ist unklar, denn dieser trieb es mächtig mit allem was ihm an holder Weiblichkeit über den Weg lief, woraus eine unüberschaubare Kinderschar resultierte. Es fehlt uns nicht mehr viel und wir kommen zum Vers oben, also zu Phlegras Tal. Gaia war sauer, weil Zeus die Titanen, also sozusagen seine Onkels, das waren ja Brüder seines Vaters Kronos, in die Unterwelt geschickt hatte. Sie ruft also die Giganten, die sind entstanden, als Uranus entmannt wurde, also wie die Furien, auf, Zeus und seine ganze Mannschaft vom Olymp zu holen. Es kommt also zum finalen Showdown auf den Feldern Phlegas, ein Ort, den man mit einer Gegend der Halbinsel Chalkidike (Thessaloniki) in Verbindung bringen kann. Und schon in diesem Kampf schleuderte Zeus seine Blitze, die Vulkan ihm fertigte, so hat er das auch mit Kapaneus getan, allerdings, so Kapaneus, wird er keine Freude haben an seiner Rache.

Der nächste Vers, der Rätsel aufwirft ist dieser.

Stillschweigend kamen wir zur Flut,
Die blutrot aus dem Walde sprudelnd schwillt,
So dass noch heute mich schaudernd macht dies Blut

Wie aus Viterbos See der Sprudel quillt,
Den röhrenweis geteilt die Sünderinnen,
So strömt der hinab durch‘ s Sandgefild

Sein Bett und jede Böschung war von Innen
Aus Stein gleich der Umfassung an den Seiten
Dass leicht der Übergang hier zu gewinnen


Sie sind also an einen Fluss aus Blut gekommen, der eingebettet war in festes Gemäuer. Viterbo ist ein Ort in der heutigen Provinz Viterbo, so in der Mitte des italienischen Stiefels an der Adria. Bekannt ist die Gegend auch heute noch wegen seiner Thermalbäder, den Bullicame. Offensichtlich gab es damals dort auch Frauen, die für solvente Herrn das taten, was solvente Herrn eben manchmal mögen und offensichtlich leiteten sie einen Teil des heißen Wassers in ihre Wohnung ab, was darauf schließen lässt, dass die Verhältnisse bekannt und gebilligt wurden. Und mit diesen künstlich angelegten Kanälen wird nun auch der Blutstrom verglichen.

Vergil erklärt nun den Ursprung dieses Stromes und wie üblich, müssen wir, wenn wir seine Erläuterungen verstehen wollen, wieder ganz weit ausholen.

Ein wüstes Eiland liegt in Meeresferne,
begann Virgil, das Kreta ist genannt
Und keusch blieb unter seines Herrschers Sinne


Was an Kreta keusch gewesen sein soll, ist unklar, klar ist der Berg Ida. Ida ist eines der vier Gebirge der Insel Kreta, etwa in der Mitte gelegen, höchste Erhebung 2200 m. In einer Höhle dieses Berges versteckte Rhea, also eine Titanin und Bruder des Kronos den gemeinsamen Sohn Zeus, damit Papa Kronos ihn nicht frisst. Die im Text angesprochene List spielt auf die Geister an, die Rhea dorthin geschickt hatte, damit der Krach, den sie mit klappernden Kochlöffeln entfalteten, das Geschrei des Baby Zeus übertönte. Bei dem Bild mit dem Greis handelt es sich um eine Anspielung einer Geschichte aus der Bibel, Prophet Daniel, 2. Kaptitel, Nebukadnezars Traum von den vier Weltreichen. Beschrieben wird dort ein Traum des König Nebukadnezars II (das war der von Babylon, der 586 Jerusalem erorberte und die Juden in die babylonische Gefangenschaft führte). Er träumt da von einem Koloss, der auf einem tönernen Fuß steht und zusammenbricht, als ein Stein vom Himmel fällt. Angespielt wird bei Dante mit einem ähnlichen Bild auf die Zerrissenheit Italiens, der Welt, dem Konflikt zwischen Papsttum und Kaiser oder was auch immer. Dieser Koloss ist bei Dante auf jeden Fall schon reichlich zerflettert und aus seinen Augen träufeln Tränen und aus diesen Tränen werden die Flüsse Phlegethon, Styx und Acheron. Der Koloss hat seinen Rücken Damiette zugewandt, das ist ein Ort in Ägypten, wenn der Rücken dem Südosten zugekehrt ist, schaut er, naheliegenderweise, nach Nordwesten, also nach Rom. Der Cocyt ist der Fluss, der aus den Tränen der Verdammten entsteht, dessen Wasser wird im neunten Kreis der Hölle gesammelt, wo es, aufgrund der Kälte, zu Eis gefriert. Dante fragt dann noch, wieso Vergil zwar die Flüsse Acheron, Styx und Phlegeton nennt, nicht aber Lethe. Die Sonderstellung wird in der Literatur zur Divina Commedia teilweise dadurch erklärt, dass das Wasser des Lethe Vergessenheit schenkt, genau das soll aber in der Hölle nicht passieren, die Sünder sollen ewig an ihre Sünden erinnert werden, von daher kann der Lethe nicht in der Hölle fließen.